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Zentrale Konzepte aus Kedrick F. Browns „Trend Trading – Timing Market Tides“

  • 6. Feb.
  • 5 Min. Lesezeit

1. Von Equity-Trend-Following zu Futures: Systematisches Trend-Following


Brown entwickelt seine Methodik ursprünglich aus der Perspektive des Equity-Traders und adaptiert zentrale Prinzipien professioneller Futures-Trendfolger (CTA) auf Aktienmärkte. Kern ist ein preisgeführter, regelbasierter Ansatz, bei dem Ein- und Ausstieg vollständig vorab geplant werden; subjektive Eingriffe während offener Positionen sollen weitgehend eliminiert werden.​

Trend-Following wird dabei nicht eng auf „Kaufen bei Ausbruch, Verkaufen beim Bruch“ reduziert, sondern als methodischer Rahmen zur Verwaltung offener Positionen verstanden: Verluste werden mechanisch begrenzt, potenzielle Gewinne bleiben prinzipiell offen, solange der Trend intakt ist. Der Einstieg kann fundamental motiviert sein, die Positionsführung folgt dennoch strikt trendfolgenden Regeln.​

Für Futures-Märkte lässt sich dieses Equity-Framework nahezu direkt übertragen, da Futures technisch wie hochgradig standardisierte, liquide Trendvehikel behandelt werden (Multi-Asset-Einsatz, Long/Short-Symmetrie, systematisches Regelwerk).​


2. Stochastic Averaging und dreidimensionale Trendidentifikation


2.1 Dreidimensionale technische Analyse: Zeit, Preis, Muster

Brown bezeichnet seine technische Herangehensweise als „three-dimensional technical analysis“. Die drei Dimensionen sind:​

  • Zeit: gleichzeitige Betrachtung mehrerer Zeithorizonte (z. B. kurz-, mittel- und langfristig), wobei Trends über alle Zeitebenen hinweg qualifiziert werden.​

  • Preis: Fokus auf objektiv definierte Swing-Punkte, Donchian-Bänder, Bollinger-Bänder, ATR und andere Preisbereiche, die Angebot und Nachfrage reflektieren.​

  • Muster: anstelle klassischer Chartmuster (Keile, Dreiecke etc.) stehen „Anchor Bars“ und daraus abgeleitete „Anchor Zones“ im Mittelpunkt – Kursbereiche mit konfiguriert hoher Marktbedeutung (z. B. Swing-Hochs/-Tiefs, Volumencluster, Breakout-Bereiche).​

Die Kombination dieser Dimensionen ermöglicht eine objektive Einschätzung, ob ein Markt sich in einem bestätigten Auf-, Ab- oder Seitwärtstrend befindet und welche Preiszonen für Einstiege, Stops und Exits zentral sind.​


2.2 Stochastic Averaging als Trendzustandsindikator


Ein zentrales technisches Werkzeug ist das stochastische Mittel („stochastic averaging“) über einen definierten Zeitraum. Grundlage ist ein klassischer Stochastik-Oszillator, der die Position des Schlusskurses innerhalb der jüngsten Handelsspanne misst; dieses Signal wird anschließend über mehrere Perioden geglättet.​

Dieses geglättete Stochastik-Mittel dient weniger als klassischer „Overbought/Oversold“-Trigger, sondern primär als Trendzustandsindikator (z. B. Persistenz eines Aufwärtstrends, Übergang zu seitwärts, beginnende Schwäche). In Browns neoklassischem Rahmen kann ein derartiger Stochastic-Average auch als „Pilot-Signal“ fungieren, um externe Stop- oder Exit-Trigger zu steuern oder Regimewechsel zu erkennen.​


3. Volatilitätsbasiertes Positionsmanagement und Position Sizing


3.1 Konzept von „Heat“ und „Target Heat“

Brown führt mit „Heat“ eine präzise Kenngröße für das pro Trade eingegangene Risiko ein.​

  • Heat: prozentualer Anteil des vor dem Einstieg verfügbaren Cash-Bestands in einem definierten „Subaccount“ („Bin“), der im Worst-Case (Ausstoppen am Stop-Level) verloren ginge.​

  • Target Heat: maximal tolerierte „Heat“ pro Subaccount für eine neue Position (z. B. 10 % des Subaccount-Cashs).​

Jede Position wird so dimensioniert, dass das monetäre Risiko (Distanz Entry–Stop × Kontraktgröße) exakt dieser Target-Heat entspricht oder darunter liegt. Die Berechnung erfolgt hierbei auf Subaccount-Ebene, nicht auf aggregierter Portfoliobasis, um eine saubere Trennung von Risikobudgets für unterschiedliche Strategien zu gewährleisten.​


3.2 Volatilitätsschätzung mit Donchian-Bändern, Standardabweichung und ATR


Die Stop-Distanz – und damit die Positionsgröße – wird systematisch aus historischer Volatilität abgeleitet.​

Brown diskutiert mehrere methodisch einfache, aber robuste Verfahren:

  • Donchian-Band-Breite (N‑Tage-Hoch minus N‑Tage-Tief):Stop-Level (Long) = Entry − (N‑Tage-Hoch − N‑Tage-Tief).Dies entspricht einem Risiko, das der jüngsten Handelsspanne entspricht; das resultierende Risiko-Prozent („RP-Ratio“) ist RP=Donchian-BreiteEntryRP=EntryDonchian-Breite.​

  • Standardabweichung der Schlusskurse:Stop-Level (Long) = Entry − k × σNN, wobei σNN die N‑Tage-Standardabweichung der Schlusskurse ist; negative Stop-Levels werden ausgeschlossen.​

  • Average True Range (ATR) nach Wilder:Stop-Level (Long) = Entry − k × ATRNN; ATR kann alternativ in eine prozentuale Größe transformiert werden, um Stops unabhängig vom absoluten Preisniveau zu definieren.​

Zusätzlich beschreibt Brown prozentsatzbasierte Stops, bspw. unter Verwendung des RP-Ratio:Stop-Level = Entry × (1 − RP), wobei RP aus historischen Spannen (z. B. N‑Tage Range) abgeleitet wird.​


3.3 Subaccounts („Bins“) und Portfolio-Struktur


Ein wichtiges architektonisches Element ist die Aufteilung des Gesamtportfolios in Subaccounts („Bins“) mit jeweils eigenem Risikobudget.​

  • Jeder Bin wird einer Strategie oder einem Zeitrahmen zugeordnet (z. B. langfristiges Trend-Following, mittelfristige Sector-Rotation, taktische Swing-Trades).​

  • Target Heat wird pro Bin festgelegt, so dass neue Positionen innerhalb eines Bins immer aus dem zugewiesenen Cash finanziert werden.​

  • Positionsgrößen werden nie auf Basis des „momentanen Gesamtportfoliowerts“ dimensioniert, um den Einfluss zufälliger Buchgewinne/-verluste auf das Risikobudget zu begrenzen.​

Dieses Konzept lässt sich direkt auf ein Futures-Trend-Following-Portfolio übertragen: Jeder Markt oder jede Strategie erhält einen eigenen „Bin“, innerhalb dessen Heat- und Volatilitätsparameter konsistent gehalten werden.​


4. Breakout-Systeme, Konsolidierungen und dreidimensionale Trigger


4.1 Breakout-Konzept und Retest-and-Regenerate

Breakout-Systeme bilden die operative Umsetzung des Trend-Following-Grundgedankens: Einstieg bei Ausbrüchen aus Konsolidierungen, konsequente Positionierung in Richtung des entstehenden Trends.​

Brown unterscheidet streng:

  • Retrace Trades: Der Markt bricht durch ein definiertes Hoch/Tief oder eine Ankerzone („Breakout“) und kehrt später für einen „Retest and Regenerate“-Vorgang in diesen Bereich zurück.​

  • Breakout Trades: Der Markt bricht aus und kehrt kurzfristig nicht zum Ausbruchsbereich zurück; diese seltenen „Burst Breakouts“ sind besonders wertvoll, da sie häufig sehr dynamische Bewegungen initiieren.​

Empirische Auswertungen im Buch zeigen, dass der Großteil aller Breakouts innerhalb weniger Bars (z. B. ≤ 5–6 Bars) in den Ausbruchsbereich zurückkehrt; Ausnahmen markieren die hochinteressanten „echten“ Breakout-Setups.​


4.2 Entry bei Ausbrüchen aus Konsolidierungen

Eine typische Konsolidierung (seitliche Range) wird durch zwei Ankerzonen markiert:

  • Unterstützungszone: aus vorheriger Swing-Tief-Struktur und Volumenschwerpunkten abgeleitet.​

  • Widerstandszone: aus vorherigen Swing-Hochs und Breakout-Bars konstruiert.​

Ein Breakout-System auf dieser Grundlage umfasst:

  • Entry in Richtung des Ausbruchs, sobald der Markt die Widerstands- (Bull) oder Unterstützungszone (Bear) signifikant verlässt und die Volumen-/Trendstruktur eine Fortsetzung nahelegt.​

  • Verzicht auf frühe Voreinstiege innerhalb der Range; stattdessen konsequentes Warten auf das Überschreiten der definierten Zonen.​


4.3 Stop-Loss-Management zur Risikobegrenzung

Stop-Loss-Management folgt konsequent der zuvor beschriebenen Volatilitätslogik:​

  • Initial-Stop jenseits der Ankerzone (unterhalb der Unterstützungszone bei Longs, oberhalb der Widerstandszone bei Shorts), ggf. ergänzt um einen ATR-Puffer.​

  • Wahl des Multiplikators (z. B. 0,2–0,25 × ATR1010) abhängig von Marktvolatilität und gewünschtem Handlungsspielraum.​

  • Bewusstsein, dass Stop-Distanz und Positionsgröße unmittelbar durch die definierte Target Heat begrenzt sind.​


4.4 Trailing-Stops zur Gewinnmaximierung

Zur Gewinnsicherung und gleichzeitigen Teilhabe an großen Trends nutzt Brown Trailing-Stops in Kombination mit Ankerzonen:​

  • Ratchet-Stops: Stop-Level wird sukzessive an steigende Tiefs, neue Ankerzonen oder höhere Donchian-/ATR-Niveaus angepasst.​

  • Kombination aus festem Mindest-Stop und nachgezogenen, signalgetriebenen Stops (z. B. auf Basis eines Stochastic-Average-Pilot-Signals oder neuer Swing-Punkte).​

  • Gewinnmitnahmen erfolgen bevorzugt in Nähe signifikanter Ankerzonen (z. B. Long-Exits in Widerstandsbereichen, Short-Exits in Unterstützungsbereichen), stets unter Berücksichtigung des Reward-Risk-Profils und der Volumensituation.​

Trailing-Stops werden so konstruiert, dass offene Gewinne volatil bleiben dürfen, während das akzeptierte Verlustniveau klar begrenzt bleibt – im Sinne klassischer Trend-Following-Philosophie.​


5. Einbettung in ein vollständiges Trading-Framework

Brown betont, dass erfolgreiche Trend-Trading-Systeme stets als integrierte Handelspläne konzipiert werden müssen, in denen alle Elemente konsistent aufeinander abgestimmt sind:​

  1. Trendrichtung und -stärke für Instrument, Sektor (bzw. Assetklasse) und Gesamtmarkt, jeweils über mehrere Zeitrahmen; Ideal sind konfluente Trends (z. B. bullischer Trend im Underlying, bullischer Sektor, bullischer Gesamtmarkt auf passender Zeitebene).​

  2. Klar definierte Zeithorizonte und Zuordnung der Trades zu bestimmten Zeitrahmen (z. B. kurz- vs. mittelfristige Breakouts).​

  3. Entry- und Exit-Regeln (Breakout, Retrace, Anchored Zones, Stop-Logik) klar und regelbasiert.​

  4. Positionsgröße und Skalenlogik (Scale-In/Scale-Out) strikt aus Volatilität und Target Heat abgeleitet.​

  5. Probabilistische Bewertung der Trade-Setups anhand empirischer Kennzahlen (Trendpersistenz, Breakout-/Retest-Statistiken), anstatt auf subjektive Überzeugungen oder makroökonomische Prognosen zu vertrauen.​

  6. Reward-to-Risk-Kalkulation vor Trade-Einstieg, mit Mindestanforderungen (z. B. mindestens 2:1, ideal 3:1 oder höher), stets in Verbindung mit der ermittelten Eintretenswahrscheinlichkeit.​


Dieses strukturierte Vorgehen ist universell: Es wurde ursprünglich für Equity-Trend-Following entwickelt, lässt sich aber ohne Weiteres auf systematische Futures-Trend-Following-Strategien übertragen, insbesondere in Märkten mit ausgeprägten Trendphasen und liquiden Kontrakten.

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